Ein Werkstattbericht zu „Ein deutsches Requiem“ von Brahms

Brahms-Fans aufgepasst! Dr. Michael Struck und Prof. Dr. Michael Musgrave edieren derzeit im Rahmen der neuen Brahms-Gesamtausgabe Ein deutsches Requiem op. 45 von Johannes Brahms – eine der bekanntesten Requiem-Kompositionen überhaupt. Dabei räumen sie nicht nur mit so mancher Legende auf, sondern korrigieren auch Fehler älterer Ausgaben. Das Aufführungsmaterial wird Mitte 2020 bei Breitkopf & Härtel erhältlich sein.

[The English translation of the article can be found here.]

Was ist das Neue an der Neuausgabe?

Vielleicht stellen Sie sich die Frage über die Sinnhaftigkeit einer weiteren Ausgabe des Deutschen Requiems op. 45 von Johannes Brahms, wo doch bereits andere Ausgaben auf dem Markt sind? Einer der Gründe für unsere Neuausgabe ist, dass im Verlauf der Veröffentlichung eines Werkes von späteren Herausgebern immer wieder Entscheidungen getroffen wurden, die die Forschung später teilweise anzweifelt. Zudem existieren oft mehrere Lesarten, wenn der Komponist selbst nachträglich Korrekturen vorgenommen hat. Beides ist bei dem vorliegenden Werk der Fall.

Daher haben es sich Prof. Dr. Michael Musgrave (New York) und Dr. Michael Struck (Kiel) zur Aufgabe gemacht, Ein deutsches Requiem im Rahmen der neuen Brahms-Gesamtausgabe zu edieren. Das Forschungszentrum der Johannes Brahms Gesamtausgabe befindet sich im Musikwissenschaftlichen Institut der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel, das eng mit der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zusammenarbeitet. Die Herausgeber haben nun alle von Brahms vorgenommenen kompositorischen Änderungen berücksichtigt und im Vergleich zu älteren, bisherigen Ausgaben Fehler korrigiert. Die Verbesserungen betreffen nicht nur den Notentext, sondern auch Schreib- und Sinnkorrekturen im gesungenen Bibeltext. Weiterhin konnte Dr. Michael Struck bei seinen zeitaufwändigen Arbeiten am Notentext ein bisher unbekanntes Manuskriptfragment zum 1. Satz ausfindig machen. Insgesamt entspricht die Ausgabe soweit wie möglich dem, was von Brahms intendiert war und hat damit das Urtext-Logo mehr als verdient.

Work in progress

Johannes Brahms | Ein Deutsches Requiem op. 45 | Beginn Satz 2

Unsere Ausgabe enthält die heute bekannte, sieben Sätze umfassende Fassung. Allerdings lag das Werk nicht von Anfang an in dieser Form vor, was sich an seiner langen Entstehungsgeschichte erkennen lässt: Brahms stellte die sechssätzige Fassung 1866 fertig, wobei der spätere 5. Satz zu diesem Zeitpunkt noch fehlte. Bevor am 18. Februar 1869 im Leipziger Gewandhaus erstmals alle sieben Sätze aufgeführt wurden, waren die ersten drei bereits 1867 in Wien und die sechssätzige Fassung 1868 in Bremen erklungen. Zur Zeit der Uraufführung in Leipzig war Brahms mit der Vorbereitung der Premiere seiner Kantate Rinaldo beschäftigt, sodass er das Requiem nicht selbst dirigieren konnte. Diese Aufgabe übernahm der Gewandhaus-Kapellmeister Carl Reinecke.

 

 

Legenden

Nicht nur inhaltliche Fehler wurden im Zusammenhang mit der Neuausgabe bereinigt, sondern die Herausgeber räumen auch mit so mancher Legende auf, die sich um das Werk rankt. Beispielsweise wurde lange angenommen, es sei in mehreren Etappen entstanden und wurzele in einer um 1859 begonnenen Trauerkantate. Doch die einzige Information über frühe Wurzeln des Werkes betrifft den Anfang des 2. Satzes, der, nach glaubwürdiger Aussage des Brahms-Freundes Albert Dietrich, dem „langsamen Scherzo“ einer 1854 entstandenen Sonate in d-moll für zwei Klaviere entstammt. Außerdem konnte die Vermutung teils widerlegt, teils stark relativiert werden, Brahms habe das Requiem auf der Grundlage eines Kompositionsplanes seines verstorbenen Freundes und Förderers Robert Schumann und auf den Tod seiner eigenen Mutter (Februar 1865) geschrieben.

Rezeption und Bedeutung

Heute gilt Ein deutsches Requiem als eines der Hauptwerke von Brahms und kann als „ein Inbegriff seines Schaffens“ (Dr. Michael Struck) angesehen werden. Es ist zwar nicht das erste große Werk des Komponisten, aber sein umfangreichstes. Und es war neben den ersten zehn Ungarischen Tänzen in der Fassung für Klavier zu vier Händen dasjenige, mit welchem ihm 1868/69 sein nationaler und internationaler Durchbruch gelang. Entsprechend fand Ein deutsches Requiem stets starke Beachtung und verbreitete sich schnell, vor allem in Deutschland sowie im deutsch- und englischsprachigen Ausland.

Allerdings lässt die aufkommende Kritik seiner Zeitgenossen zugleich das Spannungsfeld erkennen, in welchem sich Brahms mit der Rezeption seiner Werke befand: Für die Konservativen war seine Musik nicht genug der Tradition verhaftet, für die Fortschrittsgewandten im Sinne Wagners und Liszts hingegen nicht fortschrittlich genug.

Ein ganz „normales“ Requiem?

Im Zusammenhang mit dem Deutschen Requiem betonten die zeitgenössischen Rezensenten, dass es sich um ein eigenständiges, vielseitiges und innovatives Werk handelt, das in einigen Aspekten dennoch der Tradition der geistlichen Musik folgt. Innovativ ist das Werk auch deshalb, weil ihm eine feste Bindung an die lateinisch-katholische Totenmesse fehlt. Dem Komponisten ging es nicht etwa darum, Angst vor dem Jüngsten Gericht zu verbreiten. Vielmehr lässt nicht zuletzt seine Textauswahl die Intention erkennen, den Hinterbliebenen sowie den Menschen, die den Tod fürchten, Trost spenden zu wollen. Laut eigenen Aussagen hätte er selbst den Titel „Ein Menschen-Requiem“ bevorzugt.

Erscheinen der Neuausgabe

Der Band der Gesamtausgabe wird im G. Henle Verlag, München erscheinen. Ab Mitte 2020 wird das dazugehörige Aufführungsmaterial, also Dirigierpartitur, Orchesterstimmen sowie Klavierauszug, bei Breitkopf & Härtel, Wiesbaden erhältlich sein. Wie allgemein bei unseren kritischen Urtext-Ausgaben, ist neben der wissenschaftlichen Korrektheit auch hier der Aspekt der Praxistauglichkeit zentral. Diese wurde vorab in einem Konzert durch die Oratorio Society of New York am 02. März 2020 unter Beweis gestellt. Die Ergebnisse der Testaufführung fließen unmittelbar in die Edition ein und gewährleisten praktisches Stimmenmaterial.

 

 

Dr. Michael Struck (Titelbild) studierte in Hamburg Schulmusik, Klavier und Musikwissenschaft. 1984 wurde er mit einer Arbeit über Schumanns späte Instrumentalwerke promoviert. 1985–2018 war er hauptamtlich an der Forschungsstelle der neuen Johannes Brahms Gesamtausgabe (Musikwissenschaftliches Institut der Universität Kiel) tätig, wo er weiterhin ehrenamtlich arbeitet. Er hat zahlreiche Bände der neuen Brahms Gesamtausgabe redigiert oder selbst herausgegeben. Zur Zeit ist er mit den abschließenden Arbeiten an der zusammen mit Michael Musgrave erarbeiteten Edition des „Deutschen Requiems“ befasst. Seine Publikationen umfassen die Musik des 18.–20. Jahrhunderts; außerdem ist er als Musikjournalist, Musikkritiker und Pianist tätig. 2009 erhielt er den Schumann-Preis der Stadt Zwickau und war 2010 als Mitarbeiter der Kieler Brahms-Forschungsstelle Mit-Preisträger des Brahms-Preises der Brahms-Gesellschaft Schleswig-Holstein.

 

Michael Musgrave, Herausgeber, Johannes Brahms, Ein deutsches Requiem

© Dan Demetriad

Prof. Dr. Michael Musgrave ist emeritierter Professor für Musik am Goldsmiths College der University of London, Gastwissenschaftler am Royal College of Music und er lehrt an der Graduiertenfakultät der Juilliard School, New York. Sein Forschungsgebiet ist die deutsche und britische Musik des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Er ist Autor und Herausgeber von sechs Büchern über Brahms, darunter eine Studie über „Ein deutsches Requiem“ [Cambridge University Press 1996]. Zu den früheren Ausgaben der Johannes-Brahms-Gesamtausgabe gehören die beiden Orchesterserenaden und zwei Ouvertüren für Orchester; seine Ausgaben der Liebeslieder-Walzer von Brahms sind im Carus-Verlag und in der vierhändigen Fassung bei Edition Peters erschienen. Für Peters hat er auch das Klavierkonzert von Schumann herausgegeben. Musgraves Buch „Life of Schumann” ist 2011 im Verlag Cambridge University Press erschienen.

 

 

Fabienne Knittel

Fabienne Knittel

Dieser Beitrag ist in Zusammenarbeit mit Fabienne Knittel im Rahmen ihres musikwissenschaftlichen Praktikums bei Breitkopf & Härtel entstanden.

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