Monnards Konzertprogramme – Mythen

Es sind Geschichten, die die Welt erklären, die es in unzähligen Varianten gibt und deren Wahrheitsgehalt niemals zu ermitteln sein wird. Der Mythos aus der griechischen Antike, der für die Musik wohl am populärsten ist: Orpheus, der seine Euridice aus der Unterwelt befreit und mit seiner Musik Welt und Tiere in den Bann schlägt. Aber auch „musikfremde“ Mythen oder mythische Gestalten, Legenden und Märchen sind Inspiration für viele Vertonungen gewesen, so befasst sich das zweite Programm mit Faust.

Orpheus

Franz Liszt | Orpheus. Symphonische Dichtung Nr.4 S.98
Kurt Weill | Der neue Orpheus | Kantate für Sopran, Solo-Violine und Orchester op. 16


Igor Stravinsky | Orpheus. Ballett in drei Szenen

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J. Peri, Euridice, Prolog La Tragedie (EA)

Immer wieder hat der Orpheus-Mythos die Musiker fasziniert. Es gibt allein an die vierzig Opern, die die Gestalt des Sängers der griechischen Mythologie darstellen. Die erste Orpheus-Oper – die Euridice des Jacobo Peri von 1600 – formte das mythische Geschehen als Pastorale, als allegorisches Schäferidyll. Daher darf man Orpheus einen Archetypus der Oper nennen. Zu allen Zeiten hat der Orpheus-Stoff eine besondere Deutung erfahren, die Chiffren des Mythos wurden von jeder Generation neu und anders gelesen. Eigentlich sind es Variationen über die ewigen Grundthemen Liebe und Tod.

Liszts Symphonische Dichtung entstand 1854 als musikalischer Prolog zu einer Aufführung von Glucks Orpheus und Eurydike und wurde später als selbständiges Werk herausgegeben.

Weills Kantate wurde am 2. März 1927 in Berlin unter der Leitung von Erich Kleiber uraufgeführt. „Erzählt wird die traurige Geschichte des Sängers, der sich in die grauen Mauern moderner Städte aufmacht, um Eurydike, und mit ihr die ganze Menschheit, zu erlösen. Sieben Variationen schildern das verzerrte Musikleben und -erleben, Eurydike ist eine Prostituierte, Erlösung nicht möglich. Orpheus erschießt sich.“ (aus der Werkeinführung, Universal Edition).

Bei Stravinsky herrscht das Vorbild des Klassizismus. Bestimmend vermag die Harfe symbolisch häufig solistisch hervorzutreten, als ob der Gott mit der Leier in der Hand in vielen Verwandlungen durch die Jahrtausende gehen würde.

Wie Orpheus spiel ich
auf den Saiten des Lebens den Tod
und in die Schönheit der Erde
und deiner Augen, die den Himmel verwalten,
weiß ich nur Dunkles zu sagen.

Aus Dunkles zu sagen, von Ingeborg Bachmann

Faust

Richard Wagner | Eine Faust-Ouvertüre
Ferruccio Busoni | Sarabande und Cortège op. 51. Zwei Studien zu Doktor Faust


Hector Berlioz | Huit scènes de Faust
Hector Berlioz | Drei Stücke aus Fausts Verdammung: Sylphen-Tanz – Tanz der Irrlichter – Ungarischer Marsch

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Delacroix, Faust et Mephistopheles (Lithograph, National Gallery of Victoria, Melbourne)

„Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust.“ Diese berühmten Worte gelten längst als Inbegriff des Faust-Stoffes. Über kaum ein Thema ist so viel geschrieben und komponiert worden. „Ich versuchte weder, das Meisterwerk Goethes zu übersetzen, noch es nachzuahmen, sondern ließ es lediglich auf mich wirken, in dem Bestreben, seine musikalische Gestalt zu erfassen“, schreibt Berlioz in seinen Memoiren. Sicher haben auch die Lithographien von Eugène Delacroix dazu beigetragen, aber der Gedankeninhalt ist das allein Entscheidende geworden. Die Verlegung der ersten Szene nach Ungarn erlaubte es Berlioz, den populären Rákóczi-Marsch in das Stück einzubauen. Ausdrücklich als Studien zu „Doktor Faust“ vorgesehen, sind Sarabande und Cortège 1918/19 entstanden und dem Schweizer Dirigenten Volkmar Andreae (1879–1962) zugeeignet. Als festlicher Aufzug dient der in der Oper stark verkürzte Cortège während die Sarabande als symphonisches Intermezzo zum zweiten Bild überleitet. Beide Stücke basieren auf einem Tanz. Beinahe schwermütig hebt die Sarabande an, der Cortège seinerseits erklingt im Charakter einer Polonaise.

 

Titelbild: Orpheus, Gemälde von Jean Baptiste Camille Corot (1861, The Museum of Fine Arts, Houston, Public Domain)
Jean-François Monnard

Über den Autor: Jean-François Monnard

Jean-François Monnard geb. 1941, musikalische Ausbildung und Jurastudium in seiner Geburtsstadt Lausanne. Dirigieren bei Heinz Dressel und Theorie bei Krzysztof Penderecki an der Folkwang Hochschule in Essen (1968 Künstlerische Reifeprüfung). Monnards Theaterweg führte ihn von Kaiserslautern über Graz, Trier, Aachen, Wuppertal nach Osnabrück wo er als GMD wirkte. Zahlreiche Gasteinladungen auf dem Opernsektor und ausgedehnte Konzerttätigkeit. 1998 Wechsel an die Deutsche Oper Berlin, zunächst als Künstlerischer Betriebsdirektor, dann als Operndirektor.
2007 Rückkehr in die Schweiz, wo neue Aufgaben auf ihn warten: Stellv. Direktor des Festivals „Septembre Musical Montreux-Vevey“, Leiter des Bereichs Planning und Casting an der Genfer Oper und Musikalischer Berater beim Orchestre de la Suisse Romande. Seit 2013 zunehmend musikwissenschaftliche Tätigkeit, insbesondere als Herausgeber einer kritischen Ausgabe Ravels Orchesterwerke für den Verlag Breitkopf & Härtel (sechs Bände bisher erschienen: La Valse, Bolero, Rapsodie espagnole, Valses nobles et sentimentales, Bilder einer Ausstellung und Tombeau de Couperin) sowie als Chefredakteur der „Cahiers Ravel“, einer Veröffentlichung der Stiftung Maurice Ravel in Paris.

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