Monnards Konzertprogramme – Erinnerung und Abschied

Abschied und Erinnerung sind vielgestaltige Erscheinungen innerhalb der menschlichen Existenz: Sie können von Trauer oder Freude, Schmerz oder Glück geprägt sein. Beides kann schwerfallen oder einem ganz einfach erscheinen. Musik macht es möglich, diesen Facettenreichtum darzustellen, zu fassen, was nicht immer mit Worten ausgedrückt werden kann. Die hier zusammengestellten Werke reflektieren in diesem Sinne persönliche Erlebnisse und Empfindungen der Komponisten.

Abschied

Dunkel ist das Leben, ist der Tod.

Ferruccio Busoni | Berceuse élégiaque op. 42. Des Mannes Wiegenlied am Sarge seiner Mutter
Gustav Mahler | Das Lied von der Erde. Sinfonie für eine Alt- und eine Tenorstimme und großes Orchester

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G. Mahler, Silhouette (Dr. Böhler’s Schattenbilder, 1914)

Wir wissen, dass Mahler seiner Gattin in den letzten beiden Jahren seines Lebens sehr oft aus dem Lied von der Erde vorspielte. Es war ihm jedoch nicht vergönnt, das Werk noch selber zur Uraufführung zu bringen. Die Symphonie, als Abschied von der Welt komponiert, erklang zum ersten Male ein halbes Jahr nach seinem Tode. Zuvor hatten ihn drei Schicksalsschläge hart getroffen: der Rücktritt als Direktor der Wiener Hofoper, der Tod der älteren Tochter Maria mit fünf Jahren an Diphterie und die Diagnose eines Herzleidens, das schließlich zu seinem Tod führte. „Dunkel ist das Leben, ist der Tod“ – die Verse von Li Tai-Po im ersten Satz deuten es an. Und der letzte Satz – der Abschied – dauert etwa so lang wie die vorausgehenden fünf Sätze zusammen. Nach der Uraufführung in München, schrieb Anton Webern an Alban Berg (23. November 1911): „Wie ichs Dir schon sagte, es ist so wie das Vorbeiziehen des Lebens, besser des Gelebten in der Seele des Sterbenden. Das Kunstwerk verdichtet, entmaterialisiert; das Tatsächliche verflüchtigt, die Idee bleibt; so sind diese Lieder.“

In Busonis Berceuse élégiaque gerät das unsicher gewordene Fundament der Tonalität ins Wanken, man verspürt den schwankenden Boden am Grab der Mutter. Ein Einstieg zum Lied von der Erde – vom „Jammer der Erde“ wie es zunächst hieß. Noch wenige Monate vor seinem Tod, beim letzten Auftritt als Dirigent, hatte Mahler selbst die knapp zehnminütige Berceuse in New York uraufgeführt.

In Memoriam

Igor Stravinsky | Symphonies d’instruments à vent à la mémoire de Claude Debussy. Version originale de 1920
Pierre Boulez | Rituel – in memoriam Bruno Maderna


Camille Saint-Saëns – Symphonie No 3 avec orgue ut mineur op. 78 à la mémoire de Franz Liszt

Strawinskys kurze Symphonien für Blasinstrumente sorgen für die Grundierung, ein flächig-atmosphärisches Patchwork, dessen ineinander verwobene Skalen synkopisch pulsieren, bis sie zum choralähnlichen Schluss in ein statisches Orgelregister münden. „Eine Zeremonie der Erinnerung“ nannte Pierre Boulez sein Rituel, das nach dem Tod des italienischen Komponisten Bruno Maderna (1920–1973) entstand. Wie Maderna es in verschiedenen Stücken vorsah, so teilt auch Boulez das Orchester in insgesamt acht räumlich voneinander getrennte Gruppen, die in gewissen Grenzen eigendynamisch spielen, aber in der übergreifenden Form des Stücks zusammenkommen (vgl. Jahresprogramm des SWR Sinfonieorchesters 2012/13).

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C. Saint-Saëns, Symphonie No. 3 (Innentitel, EA von Durand)

In formaler Hinsicht erscheint die Orgel-Symphonie von Saint-Saëns als ein monothematisches Werk, dessen Grundgedanke eine freie Abwandlung des gregorianischen Dies Irae darstellt; ein Thema, das Liszt in seinem Totentanz mehreren Variationen zugrunde legt. Aus der Wahl dieser Thematik, die in allen vier Sätzen auftaucht, würde man leicht vermuten, es handle sich dabei um ein instrumentales Requiem. Keineswegs. Die Symphonie entstand gegen Ende 1885 als Auftragswerk der Philharmonischen Gesellschaft in London und war von vornherein als ein Zeichen der Verehrung für Franz Liszt gedacht. Liszt konnte aber der Uraufführung, die am 19. Mai 1886 unter Leitung des Komponisten stattfand, nicht mehr beiwohnen und starb kurz darauf. Da Saint-Saëns ihm jedoch während seines letzten Aufenthalts in Paris im März manches aus der Skizze auf dem Klavier vorspielen konnte, erschien die Partitur im Druck mit dem Zusatz „dem Andenken an Franz Liszt gewidmet“.

 

Titelbild: Mahler, Gustav: Sinfonie Nr. 10 <1. Satz >- BSB Mus.ms. 22744, [Particell], 1910 [BSB-Hss Mus.ms. 22744] in D-Mbs, Bildnr. 5
Jean-François Monnard

Jean-François Monnard

Jean-François Monnard geb. 1941, musikalische Ausbildung und Jurastudium in seiner Geburtsstadt Lausanne. Dirigieren bei Heinz Dressel und Theorie bei Krzysztof Penderecki an der Folkwang Hochschule in Essen (1968 Künstlerische Reifeprüfung). Monnards Theaterweg führte ihn von Kaiserslautern über Graz, Trier, Aachen, Wuppertal nach Osnabrück wo er als GMD wirkte. Zahlreiche Gasteinladungen auf dem Opernsektor und ausgedehnte Konzerttätigkeit. 1998 Wechsel an die Deutsche Oper Berlin, zunächst als Künstlerischer Betriebsdirektor, dann als Operndirektor.
2007 Rückkehr in die Schweiz, wo neue Aufgaben auf ihn warten: Stellv. Direktor des Festivals „Septembre Musical Montreux-Vevey“, Leiter des Bereichs Planning und Casting an der Genfer Oper und Musikalischer Berater beim Orchestre de la Suisse Romande. Seit 2013 zunehmend musikwissenschaftliche Tätigkeit, insbesondere als Herausgeber einer kritischen Ausgabe Ravels Orchesterwerke für den Verlag Breitkopf & Härtel (sechs Bände bisher erschienen: La Valse, Bolero, Rapsodie espagnole, Valses nobles et sentimentales, Bilder einer Ausstellung und Tombeau de Couperin) sowie als Chefredakteur der „Cahiers Ravel“, einer Veröffentlichung der Stiftung Maurice Ravel in Paris.