Monnards Konzertprogramme – Ouvertüre

„Grenzen überwinden“ und „Brücken bauen“ mittels Musik. In diesem Blog möchte ich Programmideen vorstellen und Sie einladen, mit mir über Konzertprogramme nachzudenken. Was macht ein gutes Programm aus? Was erscheint an- oder aufregend, was vermag zu faszinieren, zu berühren, zu begeistern? Kurz, wie könnte eine interessante Programmgestaltung aussehen?

Musik als Ort der Reflexion

Ein Konzertprogramm kann ein Labor der Überschreitung sein, des neuen Denkens, jenseits des Bekannten. Mit exemplarischen Konzertprogrammen lässt sich Musik als Ort utopischen Denkens untersuchen, sie ist ein Ort der Erinnerung und Hoffnung, öffnet Perspektiven auf Glück und Lebensfreude. Musik ist aber auch ein Ort der Reflexion über Verlust und Scheitern, Resignation und Verfall, Tod und Jenseits. An einem Konzertabend sollte ein geistiger Zusammenhang deutlich werden: ob in Entsprechung oder Kontrast, zwischen Vertrautem oder zu Unrecht Vergessenem. Alles in allem muss ein Konzertprogramm ausgewogen sein, muss Themenbezüge und Färbungen erkennen lassen, Übergänge und Bögen sichtbar machen, sollte unterhalten und gleichzeitig zum Nachdenken anregen.

Die Zukunft ist die Gegenwart von morgen

Das Repertoire der sinfonischen Orchester besteht weitgehend aus bekannten Werken. Mich bewegt die Frage, wie können wir Orchesterwerke so präsentieren, dass sie in neuem Licht erscheinen? Ich glaube, auch in bekannten Werken gibt es Unbekanntes zu entdecken. Wie Museen, die das Konzept der ständigen Sammlung überdacht haben, geht es darum, die Kontinuität der Musikgeschichte herauszuarbeiten. Was der Markt als neue Musik von der älteren trennt, soll als logische Fortsetzung vorangegangener Entwicklungen wahrgenommen und selbstverständlich in den Erlebnishorizont eingebaut werden. Die Zukunft ist die Gegenwart von morgen, heute muss sie gedacht und gestaltet werden.

Bekanntes im Neuen und Neues im Bekannten entdecken

„Historische Modelle gibt es nicht mehr“, sagt Wolfgang Rihm, „wohl aber Positionen, die ein Jetzt auf ein Früher hin (nicht aus diesem heraus) definieren und das Früher als anderes (damaliges) Jetzt zu sehen ermöglichen.“ Deshalb sollen unterschiedliche Orchesterwerke nebeneinander stehen und sich gegenseitig erklären. Es soll deutlich werden, was Brahms und Schönberg, Haydn und Strawinsky, Schubert und Webern verbindet, inwiefern das Verständnis des einen das des anderen unterstützt. Allzu häufig werden Werke ohne sinnstiftende Dramaturgie aneinandergereiht. Werke müssen sich jedoch zuerst untereinander helfen und miteinander kommunizieren: nicht im Hintereinander, sondern in der Gleichzeitigkeit, nicht im Fortlaufen, sondern im Wechsel. Im Hin und Her zwischen den Stücken entsteht ein Spannungsbogen, der uns Bekanntes im Neuen und Neues im Bekannten entdecken lässt. Wie sagt Wotan in der Walküre zu Fricka: „Stets Gewohntes nur magst du verstehen, doch was noch nie sich traf, danach trachtet mein Sinn.”

Konzertprogramme können Bereiche des Alltäglichen eröffnen

Eine geschickte Programmgestaltung kann übergreifende Themen bilden und die Musik mit den Nachbarkünsten der Dichtung und der Bildenden Kunst in Berührung bringen. Kunst hat wenige große Themen, die alle beschäftigen: Tod, Liebe, vielleicht noch Angst und Hoffnung, dafür aber unzählige Varianten und Nuancen. Konzertprogramme können auch Bereiche des Alltäglichen eröffnen, womit sie die hierarchischen Gattungen außer Kraft setzen und zugleich eine unerwartete Sensibilisierung für außerästhetische Bereiche wecken. Eines dürfen sie nicht: Musik als Aufklärungsinstrument benutzen. Akademische Weihestunden stiften. Pädagogen sind hier fehl am Platz. Die Untiefen des bloß Didaktischen werden schnell sichtbar. Allzuoft werden heute ganze Festivals als sozialpädagogisches Modell mit kollektivem Therapieansatz vorgeführt.

Ein Kaleidoskop aus musikalischen Gedankensplittern

Die Reihe „Monnards Konzertprogramme“ soll nur ein kleines Archiv von Denkströmungen sein, die den Fluss der Musik gelenkt haben; ein Kaleidoskop aus musikalischen Gedankensplittern, das bei jeder Drehung ein neues Bild zeigt. Trauer, Träumerei und skurrile Fantasie – jede Stimmung muss hier schon mit dem Inhalt ganz da sein. Spielereien? Sicher und ich verstehe diese immer rein assoziativ. Es sind Denkanstöße, mehr nicht, aber sie können dazu anregen, über Musik nachzudenken und in die Seele eines Werkes und eines Komponisten zu blicken. Ob neu erfunden oder im Konzertsaal schon erprobt, stellen diese Konzertprogramme eine Art ästhetisches und geistiges Abenteuer dar, das neue Perspektiven eröffnet.

 

 Titelbild: Paul Klee, Polyphony (1932, Kunstmuseum Basel / Emanuel Hoffmann Foundation)
Jean-François Monnard

Jean-François Monnard

Jean-François Monnard geb. 1941, musikalische Ausbildung und Jurastudium in seiner Geburtsstadt Lausanne. Dirigieren bei Heinz Dressel und Theorie bei Krzysztof Penderecki an der Folkwang Hochschule in Essen (1968 Künstlerische Reifeprüfung). Monnards Theaterweg führte ihn von Kaiserslautern über Graz, Trier, Aachen, Wuppertal nach Osnabrück wo er als GMD wirkte. Zahlreiche Gasteinladungen auf dem Opernsektor und ausgedehnte Konzerttätigkeit. 1998 Wechsel an die Deutsche Oper Berlin, zunächst als Künstlerischer Betriebsdirektor, dann als Operndirektor.
2007 Rückkehr in die Schweiz, wo neue Aufgaben auf ihn warten: Stellv. Direktor des Festivals „Septembre Musical Montreux-Vevey“, Leiter des Bereichs Planning und Casting an der Genfer Oper und Musikalischer Berater beim Orchestre de la Suisse Romande. Seit 2013 zunehmend musikwissenschaftliche Tätigkeit, insbesondere als Herausgeber einer kritischen Ausgabe Ravels Orchesterwerke für den Verlag Breitkopf & Härtel (sechs Bände bisher erschienen: La Valse, Bolero, Rapsodie espagnole, Valses nobles et sentimentales, Bilder einer Ausstellung und Tombeau de Couperin) sowie als Chefredakteur der „Cahiers Ravel“, einer Veröffentlichung der Stiftung Maurice Ravel in Paris.

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